Montag, 18. Mai 2020
Wie Bayern seine Künstler wertschätzt

Nationaltheater

Ich hatte schon so ein ungutes Gefühl. Heute rief mich die Klavierlehrerin an, der man 9000 Euro Soforthilfe zugesagt hatte. Sie habe einen ziemlich nassforschen Brief erhalten. Man habe ihren Antrag nochmal überprüft, und sie hätte ihn überhaupt nicht stellen dürfen, da man keine Honorarausfälle geltend machen dürfe, sondern nur betriebliche Kosten.

Das Geld würde daher "selbstverständlich" nicht ausbezahlt, man sehe immerhin in ihrem Fall von strafrechtlichen Ermittlungen wegen Subventionsbetrug ab.

"Eventuell" könne sie die neu aufgelegte Soforthilfe für Künstler beantragen (ingesamt 3000 Euro), aber man werde ihren Fall besonders genau prüfen. (Beantragung auch einen Monat nach Verkündigung nicht möglich.) Ansonsten stünde ihr der Weg zu ALGII frei.

Ich würde dieses Gebahren sehr gerne zur Presse durchstechen, aber die Frau hat Angst und fürchtet Schwierigkeiten. Sowas macht mich echt wütend.

Das Foto ist eher Symbolbild. Die Luxuskultur wird man schon retten. Schließlich wollen die Großkopferten wieder ihre Abendgarderobe ausführen.



Donnerstag, 30. April 2020
Life after man


Es gab mal eine amerikanische TV-Doku, die hypothetische Überlegungen anstellte, was passieren würde, wenn die Menschheit von heute auf morgen verschwinden würde.

Dies hier wäre dann Tag 1: Der Strom geht noch, die Rolltreppen fahren.

Mehr kommt dazu aber nicht mehr. Die leere Rolltreppe im Untergeschoss des Marienplatzes war von letztem Sonntag.



Dienstag, 28. April 2020
Maskenfrust


Seit Montag darf man in Bayern nur noch mit "Mund-Nasen-Schutz" in die jetzt wieder offenen Geschäfte, und auch im ÖPNV gilt "Maskenpflicht". Übersehen kann man diese nicht: Überall in den Bahnhöfen und an den Zügen deutliche Warnhinweise, und auch an vielen Geschäften wurde ein entsprechendes Schild angebracht. In Bayern sollen Verstöße gleich mal mit 150 Euro sanktioniert werden, und diese gelten als "Straftat". Vor kurzer Zeit galten Masken noch als überflüssig.

Nach eigener Benutzung und Beobachtung, wie andere das machen, einige Eindrücke:

Einfache OP-Masken (Kostenpunkt etwa 1,80 € pro Stück, tragen sich recht unangenehm, irritieren die Haut, sorgen für unangenehmes Wärmegefühl beim Ausatmen, wobei sich auch gleich die Brille beschlägt. Lange will man das nicht tragen.

Das führt dazu, dass die meisten Leute die Maske auf der Straße auf oder unter das Kinn schieben und beim Betreten eines Geschäfts hochziehen. Dabei greifen viele die Maske da an, wo man es nicht soll: Sicher nicht Sinn der Sache. Viele tragen das Ding auch falsch und lassen die Nase frei. Auch bei Verkäufern sieht man das.

Soziale Interaktion fällt schwerer. Distancing hin oder her, ein Lächeln auf Sicherheitsabstand tut gut, und das sieht man jetzt nicht mehr. Ich ertappe mich dabei, dass ich lächle, und dann fällt mir auf: Das Gegenüber sieht das gar nicht. Auch das Hörverständnis leidet: An der Theke machen sich manche Leute nur mühsam verständlich.

Die Maske wird sich als Gift für das Wiederanfahren des Einzelhandels erweisen. Einkaufen macht so keinen Spaß, und für Modeläden gilt überdies: Kein Anprobieren erlaubt. Da kann man auch gleich online bestellen. Eine Bekannte öffnete gestern ihre Boutique wieder: Umsatz null.

Auf dem Viktualienmarkt absolutes Informationschaos. Müssen Kunden hier auch Masken tragen? Es heißt eigentlich "in Geschäften", doch hier ist man vor einem Geschäft. Die Polizei sagt ja, Maskenpflicht für alle, die etwas kaufen wollen. Aber was ist mit Leuten, die den Markt nur überqueren? Also wieder Willkürentscheidungen.

Über Sinn oder Unsinn der einfachen OP-Maske möchte ich gar nicht diskutieren. Aber über den Sommer hinweg wird das nicht funktionieren. Die Lokale müssen ja auch wieder aufmachen, da funktioniert Maskenpflicht überhaupt nicht.

In den nächsten Tage bekomme ich noch selbstgenähte Masken. Hoffentlich tragen die sich etwas angenehmer.



Sonntag, 26. April 2020
Ab Montag Maskenpflicht

Ich bin natürlich gerüstet

Immerhin, die Münchner Apotheken führen alles: OP-Masken für 17,95 (10 Stück), Baumwollmasken für bis zu 20 Euro das Stück. Bevor Herr Spahn unseren Vorrat nach China verscherbelte (warum interessiert das eigentlich die Presse nicht?) kosteten die Einmalmasken vielleicht 20 Cent das Stück.

Beim Drogeriemarkt Müller gibt es FFP2-Masken für 15 Euro, auch etwa das Zehnfache des ursprünglichen Preises. Die unsichtbare Hand des Marktes eben.

In Bayern muss natürlich alles wieder brutalstmöglich durchgesetzt werden. So wird die Polizei im ÖPNV patrouillieren und Maskenmuffel 150 Euro (!) abknöpfen. Vor zwei Monaten waren die Masken angeblich noch nutzlos, jetzt sind sie Zwang. In punkto Freiheitsrechte fahren wir derzeit nicht auf Sicht. Blindflug scheint mir passender.



Wenn man dann sieht, wie die Leute ihre Masken auf dem Kinn tragen, um sie beim Betreten der U-Bahn umständlich ins Gesicht zu ziehen, hat man schon den Eindruck, dass das allenfalls Vorschriften-Kabuki ist.



Wie lang soll diese Pflicht eigentlich gelten? Das Saarland "spendiert" 5 Einmal-Masken pro Person (wie großzügig), die Münchner TZ verlost 500 Stück. Söderstan ist Absurdistan.



Dienstag, 21. April 2020
Der Zynismus der Soforthilfe


Bayern informiert, und ich dokumentiere das mal, denn die Texte sind derzeit sehr "fluid":

https://www.stmwi.bayern.de/soforthilfe-corona/faq/

Was mache ich, wenn mir als Kleinunternehmer oder Soloselbständiger die Einnahmen wegbrechen, ich aber keine laufenden Betriebskosten habe?

Mit den Soforthilfen soll die wirtschaftliche Existenz der Unternehmen gesichert und akute Liquiditätsengpässe wegen laufender Betriebskosten überbrückt werden, zum Beispiel Mieten und Pachten, Kredite für Betriebsräume oder Leasingraten. Die Soforthilfen sind nicht darauf ausgerichtet, den ausfallenden Gewinn zu ersetzen, mit dem der Lebensunterhalt bestritten wird. In diesem Fall ist nicht Ihr Betrieb, sondern Ihre (private) wirtschaftliche Existenz gefährdet.

Da Kleinunternehmer und Soloselbständige in aller Regel nicht über eine Arbeitslosenversicherung verfügen, wurde der Zugang zu Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II), insbesondere dem Arbeitslosengeld II, vereinfacht. Damit können Lebensunterhalt und Unterkunft in der Krise trotz Verdienstausfall gesichert werden. Unter anderem greift hier für sechs Monate eine wesentlich vereinfachte Vermögensprüfung. Aufwendungen für Unterkunft und Heizung werden für die Dauer von sechs Monaten ab Antragstellung in tatsächlicher Höhe anerkannt. Damit ist der Verbleib in der Wohnung erst einmal gesichert. Die Selbständigkeit muss wie bisher beim Bezug von Leistungen nicht aufgegeben werden.


Das steht da noch nicht lange und beweist, wie unverschämt man die Öffentlichkeit belogen hat. Es soll der "Betrieb" gerettet werden, nicht die "Existenz". Als ob der Betrieb eines Solo-Selbständigen nicht identisch wäre mit der Existenz. Das ist blanker Zynismus.

Also ab in Hartz4. Und genau das will dieser Staat auch. Denn das hat zur Folge, dass man dann keinerlei Ansprüche mehr auf vielleicht zukünftig eingeführte Soforthilfen hätte. Nach sechs Monaten geht's dann ab in eine Besenkammer, weil in München zu den dann noch übernommenen Kosten nichts zu finden ist. Der Absturz ist vollzogen.

Aber jetzt soll es ja bekanntlich bald 1000 Euro (insgesamt 3000) für die nächsten drei Monate geben. Davon soll der Selbständige, der derzeit null Einnahmen hat, Miete, Krankenversicherung (und die ist bei Selbständigen oft hoch) und den Lebensunterhalt bestreiten. In München. Und wer nicht Mitglied in der Künstlersozialversicherung ist (bin ich, wie viele andere, nicht), kriegt mal wieder nichts.

Noch läuft bei mir auftragsmäßig alles gut, außerdem bin ich es gewohnt, schnell umzudenken. Aber ohne meine Wohnung als Sicherheit würde ich nachts - trotz der himmlischen Ruhe - kaum noch schlafen.

Wohlgemerkt, der Verdienstausfall entsteht nicht, weil der Betreffende faul oder unfähig ist. Er entsteht, weil der Staat den Selbständigen direkt oder indirekt daran hindert, mit der eigenen Arbeit Geld zu verdienen. So berechtigt dies aufgrund der Infektionsgefahr sein mag: Für Selbständige müssen die gleichen Existenzschutzrechte bestehen wie für Arbeiter und Angestellte.

Aber wie man sieht, die immer so gerühmte "Übernahme von Eigenverantwortung" des Selbständigen ist dem Staat jetzt einen Dreck wert. Da haben Menschen oft jahrzehntelang Steuern bezahlt, das gesamte Risiko für ihre Existenz übernommen, nie etwas vom Staat verlangt und jetzt? Nada.

Ich fordere Maskenpflicht rund um die Uhr für Politiker. Eure Fressen will ich nicht mehr sehen.

PS: Nach dieser kurzen Unterbrechung geht es in Kürze weiter mit den schönen Dingen, die der Staat (noch) nicht kaputt kriegt.

PPS: Das Radlbild wollte ich mir eigentlich für einen Beitrag über den Don aufsparen, aber hier passt es noch besser.



Montag, 20. April 2020
Demo an der Feldherrenhalle


Der wunderschöne Spaziergang zu Kirschblüten und Flieder endete unverhofft in einer sehr sehr improvisiert wirkenden Mini-Demo an der Feldherrenhalle.



Mit zwölf Argusaugen von sechs Polizisten bewacht demonstrierten so um die 13 Personen für die Einhaltung von Grundrechten auch in Krisenzeiten, darunter eben auch das Demonstrationsrecht. Konkret wurde z.B. darauf hingewiesen, dass man auch psychisch Kranke nicht besuchen dürfe.

Interessant war auch, welche Auflagen der Demo auferlegt wurden. Abstandsgebot, natürlich, aber auch nie mehr als 20 Personen gleichzeitig. Auch ein Megaphon war nicht erlaubt, denn das "würde Interessenten anlocken".



Einem der Demonstranten kam seine mächtige Stimme zugute, mit der er eindrücklich davor warnte, die 21. Person zu sein. Man möge sich in diesem Falle umgehend entfernen, bis eine Person den Platz verlassen habe.

Tatsächlich sollen Demos an anderen Orten rigoros und teilweise mit Gewalt aufgelöst worden sein. Eine politische Partei stand offenbar nicht hinter den Grundrechtverteidigern.

Letztes Bild zeigt den stimmgewaltigen Herren, der damit mit Sicherheit mindestens zwei Menschen anlockte.




Bayern ist ein Kulturstaat


Jetzt doch eine kurze Unterbrechung der geplanten Flieder-Orgie. Hilft ja nichts.

Markus Söder hat gerade im Bayrischen Landtag verkündet, der bayrische Staat solle, nach dem Beispiel von Baden Württemberg, Künstlern in privaten Nöten (also solche, die keine geschäftlichen Liquiditätsengpässe wie Pachten oder Gehälter haben), für die nächsten drei Monate eine Soforthilfe von jeweils tausend Euro im Monat zu gewähren. Das entspräche in etwa einer Summe von 100 Mio Euro für den Bayrischen Staat.

Na großartig. Das ist im Prinzip weniger als HartzIV mit vorübergehender Übernahme höherer Mietkosten, denn in München sind selbst Einzimmermieten von 600 Euro illusorisch.

Viele Künstler haben aber nicht leichte oder mittlere Einnahmeverluste, sondern derzeit überhaupt keine Einnahmen. Mit 1000 Euro im Monat bezahlt man in der Regel in München gerade mal die Miete. Gut, wegen Nichtzahlung darf man derzeit nicht gekündigt werden, aber damit wird das Problem nur in die Zukunft verschoben. Denn bis Anfang 2022 müssen die Mietrückstände beglichen sein, und das mitten in einer sicher noch tiefen Rezession. Woher sollen diese Menschen das Geld dann nehmen?

Das heißt, wer in einer noch relativ bezahlbaren Wohnung lebt, wird dann rausgeworfen. Eine neue wird man sich noch weniger leisten können.

"Bayern ist ein Kulturstaat", tönt der Söder. Aber bitte nicht über 1000 Euro pro Monat.

Es wäre ehrlicher gewesen, den Menschen zu sagen: Ihr seid uns egal, geht halt Spargel stechen oder Regale einräumen.

Ach ja, und ab nächste Woche Maskenpflicht in allen Geschäften und im ÖPNV. Immerhin, die türkische Änderungsschneiderin um die Ecke wird es freuen.

PS: Ich habe noch nicht mal Steuerstundungen bzw. Herabsetzung der Vorauszahlungen beantragt. Ich hoffe, damit macht man sich in diesen Zeiten nicht verdächtig.

Und frei nach dem Zitat aus "Demolition Man": Ihr könnt eure Soforthilfe nehmen und sie euch stecken.

PPS: "Gedacht ist das Geld für Künstler, Musiker, Schauspieler, Kabarettisten und viele mehr, die in die Künstlersozialkasse einzahlen."

Diese Bedingung wird auch von der Tagesschau bestätigt.

Also schon wieder Einschränkung. Wer da nicht einzahlt, guckt schon wieder in die Röhre.

Wie skandalös der Umgang mit freischaffenden Künstlern bisher war, steht in der Süddeutschen Zeitung.



Dienstag, 14. April 2020
Alle reden von Lockerung


So wird das aber nichts!



Montag, 13. April 2020
Corona mit Gender Issues


Warum ist "das" Virus mit weiblichem Namen männlich, hat aber eine Mutter mit gesellschaftlich nicht allgemein akzeptierter Profession?



Donnerstag, 2. April 2020
Der große Soforthilfe-Schwindel


Was haben sie getönt: Wir helfen gerade den Kleinen, den Solo-Selbständigen. Unbürokratisch. Geld in den nächsten Tagen auf dem Konto.

Von wegen. Berlin hat schon kein Geld mehr, und lange wurde nicht vermittelt, dass die meisten Solo-Selbständigen in die Röhre gucken.

Bei SPON steht's endlich mal:

"Allerdings müssen sich die Antragsteller darüber im Klaren sein, dass die Soforthilfe nur die Betriebskosten abdecken soll. Als Zuschuss zu den Lebenshaltungskosten war die Soforthilfe nicht gedacht. Gerade die rund drei Millionen Freiberufler und Solo-Selbstständige, die in der Regel geringe Betriebskosten haben, müssen auf die Grundsicherung (ALG II) zurückgreifen."

Sollen sie doch Kuchen essen. Und meine Vorahnung wird sich möglicherweise noch bestätigen.