Von wegen "Teilmobilisierung"
Das liest sich in dem auf der offiziellen Website des Kremls veröffentlichtem Dekret (Ukas) aber ganz anders.

http://kremlin.ru/events/president/news/69391

Übersetzung:

Erlass "Über die Erklärung der Teilmobilisierung in der Russischen Föderation".

Der Staatschef hat den Erlass "Über die Erklärung der Teilmobilisierung in der Russischen Föderation" unterzeichnet.

21. September 2022 09:20

In Übereinstimmung mit den Föderalen Gesetzen Nr. 61-FZ vom 31. Mai 1996 "Über die Verteidigung", Nr. 31-FZ vom 26. Februar 1997 "Über die Mobilmachungsvorbereitung und Mobilmachung in der Russischen Föderation" und Nr. 53-FZ vom 28. März 1998 "Über die Wehrpflicht und den Wehrdienst" erlasse ich hiermit:

1. ab dem 21. September 2022 eine Teilmobilisierung in der Russischen Föderation auszurufen.

2) Einberufung der Bürger der Russischen Föderation zum Militärdienst durch Mobilisierung zu den Streitkräften der Russischen Föderation. Bürger der Russischen Föderation, die zum Wehrdienst im Rahmen der Mobilmachung einberufen werden, haben den Status von Wehrpflichtigen, die im Rahmen eines Vertrages Wehrdienst in den Streitkräften der Russischen Föderation leisten.

3. Festlegung, dass die Höhe der Besoldung von Bürgern der Russischen Föderation, die bei der Mobilisierung zum Militärdienst in den Streitkräften der Russischen Föderation einberufen werden, derjenigen von Soldaten entspricht, die im Rahmen eines Vertrags Militärdienst in den Streitkräften der Russischen Föderation leisten.

4. Die von den Wehrpflichtigen abgeschlossenen Wehrdienstverträge bleiben bis zum Ende des Zeitraums der Teilmobilmachung in Kraft, außer in den Fällen der Entlassung aus dem Wehrdienst aus den in diesem Erlass genannten Gründen. 

5. Festlegung der folgenden Gründe für die Entlassung von Vertragsbediensteten und Bürgern der Russischen Föderation aus dem Militärdienst im Rahmen der Mobilmachung in den Streitkräften der Russischen Föderation für den Zeitraum der Teilmobilisierung

(a) Nach Alter - bei Erreichen der Altersgrenze für den Militärdienst

(b) aus gesundheitlichen Gründen - aufgrund der Erklärung einer militärärztlichen Kommission, dass sie nicht wehrdiensttauglich sind, mit Ausnahme derjenigen Militärangehörigen, die den Wunsch geäußert haben, den Militärdienst auf militärischen Posten fortzusetzen, die mit solchen Personen besetzt werden können

(c) im Zusammenhang mit dem Inkrafttreten eines Gerichtsurteils, mit dem eine Freiheitsstrafe verhängt wird.

6. An die Regierung der Russischen Föderation:

a) die Finanzierung von Maßnahmen zur teilweisen Mobilisierung durchzuführen;

b) die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um den Bedarf der Streitkräfte der Russischen Föderation, anderer Truppen, militärischer Formationen und Einrichtungen während der Teilmobilisierung zu decken.

8. Die leitenden Beamten der Subjekte der Russischen Föderation gewährleisten die Einberufung der Bürger zum Wehrdienst im Rahmen der Mobilmachung zu den Streitkräften der Russischen Föderation in der vom Verteidigungsministerium der Russischen Föderation für jedes Subjekt der Russischen Föderation festgelegten Anzahl und innerhalb der festgelegten Fristen.

9. Bürgern der Russischen Föderation, die in Organisationen der Verteidigungsindustrie beschäftigt sind, soll das Recht eingeräumt werden, die Einberufung zum Wehrdienst während der Mobilisierung (für die Dauer der Beschäftigung in diesen Organisationen) aufzuschieben. Die Kategorien von Bürgern der Russischen Föderation, denen das Recht auf Aufschub gewährt wird, sowie das Verfahren für die Gewährung eines solchen Aufschubs werden von der Regierung der Russischen Föderation festgelegt.

10. Dieses Dekret tritt am Tag seiner offiziellen Veröffentlichung in Kraft.
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Das heißt: Es wird nicht jeder einberufen, aber jeder kann einberufen werden, ob Reservist oder nicht. Das erklärt die ausgebuchten Flüge und die Autoschlangen an den Grenzen.

Und wie ich höre werden festgenommene Demonstranten gleich direkt zur Armee eingezogen. Sehr praktisch.

PS: Nicht nur der Nowaja Gaseta ist aufgefallen, dass Punkt 7 fehlt. Der ist "für den Dienstgebrauch" (es soll darin stehen, dass bis zu eine Million Menschen eingezogen werden können).




arboretum am 22.09 2022, 18:07  |  Permalink
Anton Barbashin berichtet auf Twitter, dass in Buryatien Männer aus dem Bett geholt werden. Hochschulen wurden geschlossen und zu Einberufungsstellen umfunktioniert. Ähnliche Berichte gibt es auch aus Yakutien und andere arme ländliche Regionen. Es wurden auch 49-Jährige eingezogen.

Es gibt auch Berichte, dass die, die jüngst festgenommen wurden, weil sie gegen die Mobilisierung demonstrierten, ebenfalls direkt den Einberufungsbefehl bekamen. Des Weiteren erhielten auch IT-Experten Einberufungsbefehle, obwohl Putin zugesagt hatte, die nicht zu ziehen.

arboretum am 22.09 2022, 18:10  |  Permalink
Wie wollen die die alle verpflegen und ausrüsten? Geschweige denn ausbilden? Das hat doch bisher schon nicht geklappt.

avantgarde am 22.09 2022, 18:21  |  Permalink
Naja, ein paar Waschmaschinen und Kloschüsseln wird es in der Ukraine doch wohl noch geben.

arboretum am 27.09 2022, 11:09  |  Permalink
Dmitri @wartranslated: A woman, who appears to be with long-term military experience, is giving instructions to mobiks on what to take with them. This includes everything that is not armour and uniform, that is, tourniquets, medicines, and women's pads.

Das kurze Video sollte man sich mal anschauen. Diese Männer bekamen zumindest Uniformen.

Es kursieren andere kurze Videos, in denen die Einberufenen ihre Unterkünfte zeigen. Es ist unglaublich.

avantgarde am 28.09 2022, 12:18  |  Permalink
Vorstellbar ist das alles nur mit unglaublicher Korruption in obersten Militärkreisen, die Milliarden in die eigene Tasche gesteckt haben. Nach dem Motto, es gibt eh keinen Krieg.

Ich bin fast versucht zu glauben, dass Putin das nicht ahnte.

Vielleicht sollte er mal nachschauen, in welchem Zustand seine Atomwaffen sind.

netbitch am 29.09 2022, 18:01  |  Permalink
Und auch wie viele. Nicht, dass Major Iwan Chillumkow ein paar zu viel gezählt hat, die in Wirklichkeit gerade in Kannitverstan auf den Käufer warten.

avantgarde am 29.09 2022, 18:11  |  Permalink
Das ist oft wie mit dem Eingemachten. Da guckt man nach Jahren mal rein und denkt, das war doch 1999 noch gut? Ich wusste auch nicht, dass eine Kalaschnikow schimmeln kann.

Im Übrigen bin ich überrascht, wieviele russische Männer sich in ihr Schicksal als Kanonenfutter fügen. Ohne Ausbildung an die Front? Da bemisst sich das Überleben eher in Tagen als in Wochen.

arboretum am 29.09 2022, 19:53  |  Permalink
Da gab es doch mal vor einiger Zeit eine Meldung über russische Raketensilos und gestohlene Funkvorrichtungen ...

Die Unterkunft für die Einberufenen in Knjase-Wolkonskoje, nahe Chabarowsk (im fernen Osten), spottet jeder Beschreibung. Da es kein Wasser gibt (auch nicht für die französischen Toiletten), können sie nicht einmal sauber machen. Zu essen gibt es auch nichts und es sind keine Offiziere da.

Und so stellt sich die Ankunft der Einberufenen in
Berezniki in der Region Perm dar.

Mark Krutov hat das zweite Video geolokalisiert und dazu weitere Infos über den Ort (unter Soldaten auch als "Tal des Todes" bekannt), den Anästhesisten, der das Video filmte, veröffentlicht - und wie es für die Betroffenen weiterging. Krutov nahm auch zu Angehörigen der Einberufenen Kontakt auf. Eine Ehefrau schimpft auf die Ehefrauen der anderen Einberufenen - "dumme Hühner", die stolz darauf seien, dass ihre Ehemänner einberufen wurden.

Immerhin wurde diesen Einberufenen ein zweiwöchiges Training zugesagt. Und der Arzt spricht davon, dass sie sich nun selbst organisieren und Teams bilden.

Bei che postete ich heute schon eine Erklärung, warum sich die Männer in Russland nicht gegen die Einberufung wehren:

Why don't Russians march on Moscow?
Resisting the unpopular draft requires coordination, says the political scientist Vladimir Gelman

fritz_ am 29.09 2022, 21:02  |  Permalink
Vorstellbar ist das alles nur mit unglaublicher Korruption in obersten Militärkreisen, die Milliarden in die eigene Tasche gesteckt haben. Nach dem Motto, es gibt eh keinen Krieg.
Ich bin fast versucht zu glauben, dass Putin das nicht ahnte.


Die Geheimdienstclique und die Militärclique belauern sich von jeher misstrauisch und gönnen sich gegenseitig nicht die Maslo auf dem Chleb.

Putin hat das Militär schon wegen der Konkurrenz so kurz und unselbständig gehalten wie nur irgend möglich. Kompetenzen entzogen, Kompetenzen verschoben, mit Geld und Entzug von Geld hineinreguliert. Er kennt den wirtschaftlichen Zustand seines Landes, er war selber schon mal da.

arboretum am 29.09 2022, 21:56  |  Permalink
Ein längeres Interview (OmeU) mit einem Strafgefangenen, der sich als Wagner-Söldner anwerben ließ und sich kurz nach Ankunft in der Ukraine ukrainischen Truppen ergab.