40 Jahre später


Die Bilder sind noch immer da. Wir waren eines der ersten Rettungsfahrzeuge vor Ort. Ein junger Zivildienstleistender, der mitten hinein geworfen wurde in den Terror. Tote Menschen, blutende Menschen, schreiende Menschen, blöde mit Bierkrügen dreinguckende Menschen, die nicht in der Lage waren zu verstehen, was passiert war.

Rechter Terror, der keiner sein durfte. Am Morgen klingelte der Staatsschutz Sturm, um einem völlig erschöpften jungen Mann einzuschärfen, er möge gefälligst die Klappe halten, sonst...

Trotzdem ist Strauss nicht Kanzler geworden.

Heute genau vor 40 Jahren war das, als eine unbeschwerte Jugend endete.




arboretum am 26.09 2020, 22:00  |  Permalink
Ich habe den ganzen Tag an Sie gedacht deshalb. Und mich gefragt, ob Sie zur Gedenkfeier eingeladen wurden.

Dass der Staatsschutz nichts Besseres zu tun hatte als zu versuchen, Sie einzuschüchtern, erklärt vielleicht, warum dieser Terroranschlag nie wirklich aufgeklärt wurde. Fassungslos bin ich auch darüber, dass erst jetzt ein kleiner Entschädigungsfonds für Opfer und Hinterbliebene aufgelegt wurde.

avantgarde am 26.09 2020, 23:51  |  Permalink
Ich danke meiner treuesten Leserin
Ja es war still hier in diesem Blog. Der Sommer eröffnete neue Wege, die spannend sind.

Zur Gedenkfeier war ich eingeladen, wollte aber eigentlich nicht kommen. Doch es waren auch Menschen da, die ich erstversorgt hatte.

Für die üblichen politischen Phrasen habe ich nichts übrig. Trotz aller Beteuerungen wird noch immer gemauert.

"Les feuilles mortes se ramassent à la pelle, les souvenirs et les regrets aussi."

arboretum am 27.09 2020, 19:17  |  Permalink
"Mais je vois que tu n'as pas oublié", lässt sich leicht abgewandelt mit Yves Montand entgegnen.

Verfolgen diese Bilder Sie auch noch manchmal im Traum? Mir ginge das bestimmt so. Da die Opfer völlig sich selbst überlassen wurden und keinerlei psychologische Hilfe bekamen, vermute ich, dass es bei den Rettungskräften nicht anders war.

Unter den Bäumen ist es auch schon länger still, weil alles ziemlich aufreibend ist. Die Energie reicht allenfalls für einen Kommentar hie und da. Es freut mich aber, dass der Sommer Ihnen neue und spannende Wege eröffnet hat.

avantgarde am 27.09 2020, 20:37  |  Permalink
Nur noch selten
Die Rettungskräfte wurden völlig allein gelassen. Ich kam gegen 4 Uhr morgens nach Hause, um 7 Uhr kam der Staatsschutz und um 18 Uhr war wieder Nachtdienst.

Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, doch im Bereitschaftsraum der Rettungssanitäter gab es einen Getränkeautomaten, der NUR Bier führte. Ich war der einzige, der keinen Alkohol trank. Noch heute trinke ich nur sehr selten ein einziges Glas Wein. Andere hat das kaputtgemacht, so tough sie sich auch zunächst gaben.

Die neuen Wege sind spannend, aber mit sehr viel Verantwortung verbunden. Plötzlich hängt das Wohl von über 200 Menschen in Südamerika davon ab, ob ich Erfolg habe.

che2001 am 28.09 2020, 00:02  |  Permalink
Ich kann mir das heute sehr sehr gut vorstellen bei allem, was ich in solchen Zusammenhängen/Situationen erlebt habe.Bei der Festnahme nach einer Parolensprühaktion: "Wenn Sie zu fliehen versuchen machen wir von der Schusswaffe Gebrauch". Beim Tod meiner Genossin Conny Wessmann durch Polizeigewalt: "Ihr könnt Euch gleich daneben legen."

avantgarde am 29.09 2020, 00:59  |  Permalink
Die hauptamtlichen Rettungskräfte (manche hatten Bundeswehrvergangenheit) hatten ja in der Regel ein eher kumpelhaftes Verhältnis zur Polizei. Die ZDLs eher nicht (Den ZDL Mischa aus der Schwarzwaldklinik gab es noch nicht, der hat das Image der "Drückeberger" tatsächlich spürbar verbessert).

Meinen Hut ziehen muss ich allerdings vor meinem damaligen Dienststellenleiter. Bei dem schlug der Staatsschutz nämlich auch auf, um sich über mich zu beschweren (ich war an jenem Morgen wohl eher unhöflich gewesen und die STOPPT STRAUSS Plakette an der Tür war wohl auch nicht gerade hilfreich.)

Der Mann hat die zwei Herren hochkant rausgeschmissen, mit einigen sehr bayrischen Kraftausdrücken.

Unfallrettungsdienst gehörte zu den wenigen Dienstaufgaben, zu denen man als ZDL nicht verpflichtet werden durfte. Das musste man wirklich wollen und ausdrücklich beantragen. Da ich damals noch vorhatte, Medizin zu studieren, schien mir das der beste Weg, keine Zeit meines Lebens zu verschwenden.

Wer nach drei Monaten noch dabei war, der wurde akzeptiert.

Später entschied ich mich gegen die Medizin. Nicht aufgrund des Anschlags. Ich hatte zu viel in den Krankenhäusern gesehen. Aber gelernt habe ich viel in dieser Zeit. Von Duckmäusern und Menschen mit aufrechten Gang.

fritz_ am 29.09 2020, 22:21  |  Permalink
Es ist schon was dran, was scheinziwo am 28.09.2020 geschrieben hat. Ihm ist die Selbstdarstellung des ältlichen BRD-Bürgers über, der sich unendlich gern selber reden hört, am liebsten darüber, wie übel ihm das böse System mitgespielt hat.

Mir springt zuerst das habituell gewordene Selbstmitleid von manchen der genannten ältlichen BRD-Bürger ins Auge, wie unentwegt schwer sie es gehabt haben und wie schlimm alles war.

Diese Generation, privilegiert wie keine andere je zuvor seit einer Million Jahren auf deutschem Boden. Frei, wohlhabend genug, diese Freiheit zu nutzen und simpel genug, sich für benachteiligt zu halten.

Dieses schöne Phänomen, das vom Mond aus zu sehen ist, wird von der Soziologie beharrlich ausgeblendet. Vielleicht, weil, o Gott, Soziologen sich wie viele Menschen gut selbst verarschen können und Teil des Phänomens sind, und ein Phänomen nicht von innen heraus peinliche Untersuchungen an sich selbst vornimmt.

avantgarde am 30.09 2020, 21:34  |  Permalink
Unsinn
Ich habe mich noch nie über mein freies selbstbestimmtes Leben beschwert und habe noch viel vor. Benachteiligt war ich sicher nie, aber was ich habe, ist selbst erarbeitet. Jeder Cent.

arboretum am 19.11 2020, 23:50  |  Permalink
(Den ZDL Mischa aus der Schwarzwaldklinik gab es noch nicht, der hat das Image der "Drückeberger" tatsächlich spürbar verbessert).

Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, mussten Sie damals vor dem Zivildienst ja noch die Gewissensprüfung machen.

Womit hatte Ihnen der Staatsschutz damals eigentlich gedroht?

Am Samstagabend gibt es um 18.05 Uhr im Deutschlandfunk das Feature Das Terror-Jahr der Rechten. Erinnerungslücke 1980 zu hören.

avantgarde am 23.11 2020, 22:40  |  Permalink
Die Drohungen waren diffus, und gefruchtet haben sie ohnehin nicht. Binnen Stunden hatte sich ja die Strauß'sche RAF-Version zerschlagen.