Wie Bayern seine Künstler wertschätzt

Nationaltheater

Ich hatte schon so ein ungutes Gefühl. Heute rief mich die Klavierlehrerin an, der man 9000 Euro Soforthilfe zugesagt hatte. Sie habe einen ziemlich nassforschen Brief erhalten. Man habe ihren Antrag nochmal überprüft, und sie hätte ihn überhaupt nicht stellen dürfen, da man keine Honorarausfälle geltend machen dürfe, sondern nur betriebliche Kosten.

Das Geld würde daher "selbstverständlich" nicht ausbezahlt, man sehe immerhin in ihrem Fall von strafrechtlichen Ermittlungen wegen Subventionsbetrug ab.

"Eventuell" könne sie die neu aufgelegte Soforthilfe für Künstler beantragen (ingesamt 3000 Euro), aber man werde ihren Fall besonders genau prüfen. (Beantragung auch einen Monat nach Verkündigung nicht möglich.) Ansonsten stünde ihr der Weg zu ALGII frei.

Ich würde dieses Gebahren sehr gerne zur Presse durchstechen, aber die Frau hat Angst und fürchtet Schwierigkeiten. Sowas macht mich echt wütend.

Das Foto ist eher Symbolbild. Die Luxuskultur wird man schon retten. Schließlich wollen die Großkopferten wieder ihre Abendgarderobe ausführen.




arboretum am 19.05 2020, 04:28  |  Permalink
Ich möchte fast wetten, dass das kein Einzelfall ist. Solche Briefe werden noch mehr Künstler und Publizisten bekommen haben, die keine nennenswerten Betriebsausgaben vorweisen können.

Nachdem man der Klavierlehrerin ja schon angedroht hat, ihren Fall besonders genau zu prüfen, falls sie die neu aufgelegte Soforthilfe für Künstler beantragt, würde ich ihr raten, schleunigst einen Antrag auf ALG2 zu stellen (siehe "Dokumente und Hinweise", rechte Spalte, etwas scrollen). Erstens bekommt sie dann auch noch für den Monat Mai Geld, zweitens wird bei Antragseingang vor dem 30. Juni für ein halbes Jahr kein Vermögen geprüft. Außerdem sind sie jetzt noch großzügiger, was die Größe der Wohnung und Mietkosten betrifft, das heißt, die Ausgaben für Unterkunft und Heizung werden in den ersten sechs Monaten in tatsächlicher Höhe anerkannt (siehe FAQs). Sie möchte sich bitte nicht grämen, weil sie "zum Amt muss", das geht noch ganz anderen so, und im Übrigen ist es ihr gutes Recht. Es verschafft ihr wenigstens etwas Luft bis Ende Oktober.

Sofern sie in der KSK ist, sind auch diese Infos für sie von Belang.

Die Soforthilfe für Künstler soll meines Wissens nicht auf das ALG2 angerechnet werden. Falls die Klavierlehrerin sich - nach der Lektüre des Kleingedruckten - doch noch entscheidet, die zu beantragen, so kann sie das immer noch tun.

Und was das Durchstechen an die Presse angeht, so gibt es für Journalisten doch immer die Möglichkeit, den Namen der Betroffenen auf Wunsch zu ändern, oder? Gut möglich, dass sich mit etwas Recherche auch noch andere O-Tongeber finden, die bereit sind, sich namentlich zitieren zu lassen, etwa vom Berufsverband Bildender Künstler (BBK) oder vom Tonkünstlerverband Bayern.

cerises am 19.05 2020, 17:34  |  Permalink
Das ist ja wirklich Scheibenkleister...
Das heißt nun sofort erstmal ALG II beantragen, da das nicht rückwirkend gewährt wird, sollte das auch gemacht werden, egal wie es jetzt weitergeht.

Ich vermute, die Kleinen müssen jetzt mal wieder VW und Lufthansa retten ;-((( -- so ärgerlich! Ich könnte platzen.

avantgarde am 20.05 2020, 22:18  |  Permalink
Lufthansa Marktkapitalisierung derzeit 3,82 Mrd. Der Staat zahlt 9 Mrd. für 25%?

Irgendwo hab ich in Wirtschaftskunde nicht aufgepasst.

avantgarde am 21.05 2020, 20:48  |  Permalink
Wenn ich soviel Geld in einen Laden investiere, möchte ich ein robustes Mitspracherecht.

cerises am 23.05 2020, 12:39  |  Permalink
Lieber ZiWo, ich kann deiner Argumentation gut folgen, ja natürlich möchte ich nicht, dass es den Kranich nach China oder sonstwo verschlägt.

Aber bitte, bevorzugte Behendlung, darauf möchte ich mich nicht einlassen, hier sollte man schon schauen, dass die Nägel Köpfe haben.
Ich hab gerade wieder im "privaten" Bereich erlebt, wie eine Abmachnung (bindend) plötzlich von Amnesie angefressen wurde. Das war nicht schön und hat mich sehr viel Nerven gekostet, und ich habe sehr lange Zähne zeigen müssen, bis da die Herren wieder auf Linie waren...
Deshalb bitte, Rettung ja, aber deutlich mehr WinWin...;-))

Und zu den Hilfen für die Kleinen, die werden jetzt gerade weggeredet, hab ich jedenfalls den Eindruck. Sollen die sich doch selber helfen.
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ps: cerises is female, falls du es wissen willst...

arboretum am 19.05 2020, 20:05  |  Permalink
Auch in NRW dürfen Solo-Selbstständige die Corona-Soforthilfe nur für Betriebskosten verwenden. Das wurde dort anfangs nur etwas unklar kommuniziert, deshalb gab es Verwirrung.

Solo-Selbstständige: Soforthilfe nur für Betriebskosten

In NRW geht es Klavierlehrerinnen, Künstlern und Publizisten also nicht besser als in Bayern.

Einzig in Berlin war es für ganz kurze Zeit so, dass dort die Corona-Soforthilfe des Landes für Solo-Selbstständige in Höhe von 5.000 Euro auch für die Lebenshaltung verwendet werden durfte. Nach dem ersten Wochenende wurde die Antragsmöglichkeit für einige Tage ausgesetzt, danach galten andere Spielregeln. Wer also schnell genug war, hatte Glück, die anderen schauten in die Röhre.

bitcoinziwo am 19.05 2020, 20:15  |  Permalink
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avantgarde am 19.05 2020, 21:36  |  Permalink
Besser: Dafür sollten sie eigentlich da sein. Tatsächlich hat man gerade in Bayern viele völlig im Stich gelassen.

Ich habe der Klavierlehrerin natürlich sofort ALGII empfohlen und werde sie selbstredend bei den Amtsgängen unterstützen. Aber momentan "packt" sie diesen Schritt noch nicht. "Sowas" macht man in ihren Kreisen einfach nicht, da lebt man lieber von Nudeln und Tütensuppen.

So "vereinfacht" ist die Beantragung übrigens nicht. Da kommt schnell ein halbes Dutzend Formulare zusammen.

Es scheint in Bayern auch so zu sein, dass man nach der Beantragung von ALGII automatisch aus der Gruppe fliegt, welche die geplante Soforthilfe für Künstler beantragen darf (zumindest gibt es Infos in dieser Richtung). Das Formular dafür soll angeblich diese Woche online gehen.

Es sollen jetzt auch Personen berücksichtigt werden, die die Kriterien für die Aufnahme in die KSK erfüllen (da sehe ich wieder viel Bürokratie).

Die Lehrerin ist aber ohnehin drin. Sie sagte, den Juni steht sie noch durch.

PS: Oh, das Antragsformular ist online. Und es ist genauso, wie ich sagte:

Hilfsprogramm für Künstlerinnen und Künstler des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst

https://www.kuenstlerhilfe-corona.bayern


"Antragsberechtigt sind freischaffende Künstlerinnen und Künstler mit bestehendem Hauptwohnsitz in Bayern (Stichtag: 01.04.2020), die eine künstlerische oder publizistische Tätigkeit erwerbsmäßig und nicht nur vorübergehend ausüben. Voraussetzung hierfür ist die Bestätigung einer Versicherung nach dem Künstlersozialversicherungsgesetz (Stichtag: 01.04.2020) oder die Versicherung, den Lebensunterhalt überwiegend aus erwerbsmäßiger künstlerischer oder publizistischer Tätigkeit gemäß dem Katalog der Künstlersozialkasse zu bestreiten, verbunden mit entsprechenden Nachweisen für diese Tätigkeit. Künstlerinnen und Künstler, die eine andere Soforthilfe Corona des Freistaates Bayern oder des Bundes oder Leistungen zur Grundsicherung (SGB II oder SGB XII) erhalten oder beantragt haben, sind von einer Antragstellung ausgeschlossen. Gleiches gilt für Künstlerinnen und Künstlern, die sich am 31. Dezember 2019 gemäß Art. 2 Abs. 18 der Allgemeinen Gruppenfreistellungsverordnung bereits in Schwierigkeiten befanden."

Übrigens ein Formular, das in mehreren Schritten auszufüllen ist. Man muss also schon seine Steuernummer eingeben, bevor man erfährt, welche Infos noch zu liefern sind. Eine absolute Unsitte.

Und eine sehr schwammige Formulierung: Man darf diese Hilfe nicht beantragen, wenn man schon die "reguläre" Soforthilfe beantragt hat. Was gilt, wenn diese abgelehnt wurde, ist nicht klar.

Durch die lange Wartezeit hat man viele Künstler bereits in ALGII getrieben. Die fallen schon mal weg.

Und man kann sich vorstellen, dass die Auszahlung nicht schnell gehen wird.

"Die Antragsteller müssen nachweisen, dass sie ihren Lebensunterhalt überwiegend mit künstlerischer Arbeit bestreiten."

Sowas dauert. Da sind Belege und Bescheinigungen zu beschaffen, von Unternehmen, die ebenfalls auf Sparflamme fahren, vielleicht auch schon pleite sind.

arboretum am 19.05 2020, 22:07  |  Permalink
Scheint länderspezifisch zu sein, ob diese Soforthilfe für Künstler auf ALG2 angerechnet wird oder nicht. In der Berichterstattung über die hessischen Arbeitsstipendien hieß es, das solle nicht der Fall sein. Aber wer weiß, ob es stimmt. Neulich waren die Anträge noch nicht online, ich habe mich auch nicht näher damit befasst.

Falls die Klavierlehrerin sich dazu durchringt, ALG2 zu beantragen, kann sie das auch auf Papier tun. Oder sich zumindest vorab den Papierantrag schon mal anschauen, um zu sehen, was da alles abgefragt wird.

avantgarde am 19.05 2020, 22:12  |  Permalink
Angesichts dieser Erkenntnisse werde ich ihr empfehlen, es erst mal mit der Künstlerhilfe zu versuchen. Trotz der Drohung ist sie dazu absolut berechtigt.

Das Antragsformular ist seit 4 Stunden online. Und da steht glasklar: Wer schon ALGII beantragt hat, ist nicht mehr berechtigt.

Für die Lehrerin ist das einfach psychologisch besser.

arboretum am 19.05 2020, 22:19  |  Permalink
In Hessen geht das erst ab dem 1. Juni. Und wie gesagt, es sind Arbeitsstipendien in Höhe von einmalig 2.000 Euro. Es soll ermöglichen, "neue Projekte für den allmählichen Übergang aus der Pandemie-Zeit zu erarbeiten. Es steht in der Künstlersozialkasse versicherten Kulturschaffenden mit Erstwohnsitz in Hessen offen und wird durch die Hessische Kulturstiftung vergeben. Das Stipendium kann mittels eines einfachen Antrags mit einer kurzen Projektskizze beantragt werden. Es wird nicht als Einkommen auf etwaige Grundsicherungsleistungen angerechnet."

Ist also auch nix für Klavierlehrerinnen in Hessen.

avantgarde am 19.05 2020, 22:21  |  Permalink
Offenbar anders strukturiert.
In Bayern sind es jeweils 1000 Euro für drei aufeinanderfolgende Monate.
Das Formular bietet eine umfangreiche Auswahlliste an Berufen. Musiklehrer/in ist genannt, aber auch Autoren und Journalisten.
Welche Nachweise gefordert sind, ist nicht klar. Wahrscheinlich muss man dazu erst das ganze Antragsformular stufenweise beantworten.
Pauschal 1000 Euro zu gewähren ist auch lebensfremd. In München sind die Lebenshaltungskosten wesentlich höher als im Bayrischen Wald.

PS: Witzigerweise bekäme die Dame bei ALGII mehr, da ja die Mietkosten für 6 Monate voll übernommen werden. Vermögen hat sie ja ohnehin nicht, auch keine Bedarfsgemeinschaft.

Trotzdem glaube ich, dass ihr die Künstlerhilfe lieber ist.

arboretum am 20.05 2020, 05:20  |  Permalink
Ja, da kocht jedes Land seine eigene Suppe - sofern es überhaupt etwas gibt. In einigen Ländern gibt es meines Wissens nämlich auch nix für Kulturschaffende.

Ich kann verstehen, dass der Klavierlehrerin die Künstlerhilfe lieber ist, die Frage ist nur, ob sie sich diesen Stolz wirklich leisten kann. Angesichts der Mieten und Lebenshaltungskosten reicht die bayerische Künstlerhilfe von dreimal 1.000 Euro ja nicht sehr weit - die Coronakrise wird aber dauern. Wann rechnet sie denn damit, wieder unterrichten zu können? Und werden alle ihre bisherigen Schüler wieder Unterricht nehmen? Können sich das noch alle leisten? Fragen Sie sie das mal.

arboretum am 20.05 2020, 12:11  |  Permalink
Im "Spiegel":
Die Alleingelassenen
Mit Soforthilfen hatten Bund und Länder Soloselbstständige und Kleinunternehmer vor der Pleite bewahren wollen. Doch viele der damit verknüpften Hoffnungen zerschellen an der Wirklichkeit.

arboretum am 19.05 2020, 20:18  |  Permalink
@ cerises: Ja, da kann einem wirklich das Messer in der Tasche aufgehen.

Dass sich Monika Grütters, aber auch einige Kulturminister sich öffentlich beweihräuchern, wie sehr sie den Künstlern helfen, macht mich wirklich wütend. Und die Redakteure lassen es durchgehen.

cerises am 21.05 2020, 16:28  |  Permalink
Es läuft gerade in Berlin genauso.
Als ob die irgendwo ne Blaupause in der Schublade hätten zum Leute verar***en. (Tschuldigung avantgarde, ich werde da Prolet).

arboretum am 21.05 2020, 16:40  |  Permalink
Wer in Berlin seinerzeit sofort die Corona-Soforthilfe beantragt hatte, bekam die 5.000 Euro aus Landesmitteln sehr schnell. Und die durfte anfangs auch für die Lebenshaltungskosten ausgegeben werden (das wurde dann aber sehr bald geändert). Wer etwas zu langsam war, schaut jetzt oft in die Röhre, weil das Geld, dass das Land Berlin als Soforthilfe bereitstellte, längst ausgegeben ist. Daher gibt es auch in Berlin nur noch die Soforthilfen vom Bund. Die Corona-Soforthilfe für Solo-Selbstständige ist aber nur für die Betriebskosten gedacht, nicht zum Leben. Deshalb gehen nun in Berlin auch die Künstler leer aus.