Am Fenster


Das beste, was die DDR an Musik geschaffen hat. Und heute stehen wir alle am Fenster.

https://youtu.be/ZFtMtalfa_Q

Einmal wissen dies bleibt für immer
Ist nicht Rausch der schon die Nacht verklagt
Ist nicht Farbenschmelz noch Kerzenschimmer
Von dem Grau des Morgens längst verjagt
Einmal fassen tief im Blute fühlen
Dies ist mein und es ist nur durch dich
Klagt ein Vogel, ach auch mein Gefieder
Nässt der Regen flieg ich durch die Welt
Flieg ich durch die Welt
Flieg ich durch die Welt
Flieg ich durch die Welt




der imperialist am 03.04 2020, 21:27  |  Permalink
Also wenn die Obersten
bei euch die Gesellschaft so in Sprache gefasst hätten. Ich wäre heute noch bereit rüber zu wechseln.

avantgarde am 03.04 2020, 21:32  |  Permalink
Ich bin öfter zu Besuch in der DDR gewesen, habe dort viele Freundschaften geknüpft. Das System hätte ich nicht ertragen.

Es gibt auch eine gar nicht so kleine Stasi-Akte. Ich wusste nicht, das ich so interessant war, damals.

der imperialist am 03.04 2020, 21:41  |  Permalink
Nicht schlecht. So gesehen sind sie auch historisch bedeutend.

avantgarde am 03.04 2020, 21:52  |  Permalink
Ich selbst eher weniger. Die Leute, mit denen ich mich traf, schon eher.

arboretum am 03.04 2020, 22:16  |  Permalink
Besuchten Sie damals Ost-Berlin oder Leipzig?

avantgarde am 03.04 2020, 22:24  |  Permalink
Hauptsächlich Ostberlin, das ging als Westdeutscher einfacher. Leipzig zur Buchmesse, mit Abstecher nach Dresden. Weimar ging auch ganz gut.

arboretum am 03.04 2020, 22:14  |  Permalink
Wenn es nicht für immer ist, klingt es so wie bei Wenzel:

In ihrem Fenster sieht man Wolken ziehen

Und falls wir alle im Herbst immer noch am Fenster stehen, summen wir vielleicht leise Nach Süden von Lift.

Der schöne Text des Songs von Silly aus dem Jahr 1974 stammt von der Schriftstellerin Hildegard Maria Rauchfuß, sie war von 1967 bis 1976 als IM für die Stasi tätig.

avantgarde am 03.04 2020, 22:31  |  Permalink
Das ist bitter, ich weiß. Solche Enttäuschungen gab es ja viele. Ich habe in meiner Akte auch entdeckt, wer da alles meine Gespräche weitergetragen hat. Es waren gerade die Menschen, von denen man es nie erwartet hätte. Aber wer kennt schon die Zwangslagen, die dahinter steckten.

Dass ich weiter einreisen durfte, muss wohl daran gelegen haben, dass ich mich bei DDR-Politischem immer zurückhielt. Ich hatte auch keine "feste Freundin" dort. Das hätte mich wahrscheinlich erpressbar gemacht.

Ich versuche, bei Künstlern Werk und reale Persönlichkeit zu trennen. Nur so kann ich die Gedichte von Ezra Pound lesen.

PS: Nach Süden ist auch sehr schön. Wie so oft, die Sehnsucht nach Freiheit, die uns so selbstverständlich war.

arboretum am 03.04 2020, 22:45  |  Permalink
Ja, im Erpressen waren sie sehr gut. Nicht nur bei Ihnen hätte die Stasi das versucht, bei der festen Freundin bestimmt auch.

Leider finde ich die Quelle nicht mehr, es könnte Marianne Birthler gewesen sein, derzufolge die Mehrheit der Menschen, die die Stasi als IM anwerben wollte, die Zusammenarbeit ablehnte. Laut Bundeszentrale für politische Bildung haben die drei Außenstellen der Stasi-Unterlagen-Behörde in Mecklenburg-Vorpommern mal "grob erfasst, wie hoch der 'Nein'-Sager-Anteil lag. Demnach haben etwa drei von fünf zur Anwerbung vorgesehene IMs sich einer Mitarbeit verweigert oder im Verlauf ihrer Zuträgerschaft abgebrochen".

avantgarde am 03.04 2020, 22:55  |  Permalink
Ich weiß, dass es durchaus üblich war, Westdeutsche, die regelmäßig eine Freundin bzw. einen Freund in der DDR besuchten, nach einer gewissen Zahl von Einreisen beiseite zu nehmen, besonders die, die kurz vor 24 Uhr ausreisten, um kurz danach wieder einzureisen (Berlin).

Die Gewissenskonflikte waren sicher schlimm. Es gab solche, die das kategorisch ablehnten. Konsequenz war oft (aber nicht immer) die Einreiseverweigerung. Andere gingen zum Schein darauf ein und dachten, sie könnten einfach nur wertlosen Müll liefern.

Das ging aber auch nicht lange gut.

cerises am 04.04 2020, 00:29  |  Permalink
Ein Freund von mir aus Great Britain verglich die DDR mal mit einem Trabbi. Es wäre halt ein Auto, aber es würde schnell sehr sehr eng darin, es würde einen überall hinbringen aber nur mit begrenztem Komfort und beträchtlich langsam, verglichen mit anderen Autos.
Ich habe sie meinen Freunden jenseites der Mauer immer als ein unausstehlich paternalistisches Sytem geschildert.
Ich hätte nicht dort leben können, meine Freunde mussten es, aber ich möchte die Zeit in der wir damals zusammenkamen nicht vergessen. Meine Akte habe ich nie angfordert. Ich will es nicht wissen.
Die einzige von der ich wusste, dass die Stasi sie anwerben wollte, hat sehr "smart " reagiert: sie hat es allen erzählt um diese Rat zu fragen. Danach war das mit der Mitarbeit gestorben.

avantgarde am 04.04 2020, 16:54  |  Permalink
Möglichst alles gleich "naiv" auszuplaudern war tatsächlich keine schlechte Strategie.

bitcoinziwo am 03.04 2020, 22:42  |  Permalink
ich war einmal in der ddr und nie wieder
es wa ja so
wir mussten bei tennis borussia spielen
und waren im grunewald einquatiert

aber andere woanders
und da bin ich hängengeblieben weil es darum ging wieviel man auf ex trinken kann

ich war 2 tage bewusstlos abba hab gewonnen

dann sollte die ddr erkundet werden
ich war nu mal gehandicapt
hab die leute nich mehr gefunden und bin in einer kneipe vor der grenze gelandet

da hab ich billiard gespielt und nie was getroffen
wie ich dahin kam weiss ich noch genau
da waren so rocker
da hab ich einen gefragt ob er mich ma mitnimmt ich wär mit sowas nie gefahren

so wa das
und als das spiel war
war ich nach einer halbzeit unter der frauendusche
ich hab das verwechselt

eine katastophe hoch 3

und in ostberlin hab ich die gruppe nich wiedergefunden
und bin da rummgeirrt wie zitterwölfe nu ma sind

ständich musste ich aufs klo

abba ich war überall an den seltsamsten orten
da war die stasi vermutlich völlich überfordert

avantgarde am 03.04 2020, 22:48  |  Permalink
So hat eben jeder seine ganz eigenen Erfahrungen...

bitcoinziwo am 03.04 2020, 22:54  |  Permalink
ich war 14 liebe avantgarde
in pubertärer weise

abba seit dem hab ich unbehagen vor dem osten
und das wird sich auch nich ablegen

da war ich in diesem ddr teil wo eine ausstellung war
und eine lehrerin mit ihren schülern
und selbst ein kleiner zitterwolf hat ihre sprache zum stocken gebracht
was will der hier?
das is ja nich normal

avantgarde am 03.04 2020, 22:59  |  Permalink
Ich hoffe, Dich nicht zu enttäuschen, aber ich bin männlich.

arboretum am 03.04 2020, 23:04  |  Permalink
Ich kringele mich gerade vor Lachen, weil ich schon öfter für einen männlichen Blogger gehalten wurde.

bitcoinziwo am 03.04 2020, 23:04  |  Permalink
das is natürlich ein versäumniss avantgarde
ich hoffe das du das ausbesserst

in diesen zeiten einen zum lachen zu bringen kann nix negatives sein

avantgarde am 03.04 2020, 23:18  |  Permalink
Aber auch Zitterwölfe bekommen bei mir ein warmes Plätzchen am Ofen :-)

che2001 am 05.04 2020, 00:58  |  Permalink
Mein Freund Archie
erfuhr in den frühen Neunzigern dass es über ihn eine Stasi-Akte gab. Er war westdeutscher Linksradikaler der Interna aus Geheimdienstakten in die autonome Szene schleuste (durch ihn wussten wir dass in der Göttinger Scherbennacht im Dezember 1986 3 Bullenspitzel dabei waren) und hatte lange vor 1989 Kontakte zu illegalen Widerstandsgruppen in der DDR, wusste auch genau welche Zuhälter einem bestimmten CDU-Abgeordneten seine Fickbuben lieferten. Als er in Berlin seine Akte einsehen wollte sagte man ihm, die sei jetzt in Moskau. In der Lubjanka und nicht einzusehen.

avantgarde am 05.04 2020, 01:11  |  Permalink
So politisch war das bei mir nicht. Aber ich traf Künstler und Schriftsteller, und da waren Spitzel gerade zwangsläufig.

Dumm nur, dass es dann genau die waren, von denen man es nie erwartet hätte.

arboretum am 05.04 2020, 10:53  |  Permalink
Klingt ein bisschen nach Prenzlauer Berg und Leuten wie "Sascha Arschloch".

avantgarde am 05.04 2020, 13:36  |  Permalink
Ganz genauso. Aber die sind fast alle auf die Füße gefallen.

arboretum am 05.04 2020, 16:05  |  Permalink
Was vermutlich aber nicht auf all die zutrifft, für die der Verrat der anderen schlimme Konsequenzen hatte.

Ich überlege gerade, ob es eine gerechte Strafe ist, dass "Sascha Arschloch" nun Martin Walser zum Schwiegervater hat. Den kann ich als Autor nicht ausstehen.